Japanologentag 2015
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Gewalt und Zivilität -- Session 2

Das Universum umwälzen. Der Widerstand von shizoku gegen die Reformen des jungen Meiji-Staates

Tino Schölz

Das Ringen um den politischen Kurs des Landes und die einsetzenden tiefgreifenden Transformationsprozesse gingen im ersten Jahrzehnt der Meiji-Zeit mit einer großen Bandbreite von oppositionellem Handeln einher. Neben den Machtkämpfen innerhalb der Regierung ragen dabei insbesondere die sog. Samurai-Aufstände zwischen 1874 und 1877 in Saga, Kumamoto, Akitsuki, Hagi und schließlich in Kagoshima als besonders gewaltsame Versuche heraus, Widerstand gegen Regierungshandeln zu leisten und damit den spezifischen Modernisierungspfad, den Japan unter der sich langsam verfestigenden Meiji-Oligarchie mit der beginnenden Nationalstaatsbildung einzuschlagen schien, zu verändern. Tatsächlich markieren die dabei zu beobachtenden Handlungsformen eine Schnittstelle zwischen Edo-zeitlichen Praktiken eines bewaffneten Aufstandes und der Etablierung auch "moderner" und "zivilerer" Widerstandsformen, die sich neben den klassischen gewaltförmigen Revolten in der Geschichte der "Bewegung für Freiheit und Volksrechte" (Jiyū minken undō) beobachten lassen. Der Beitrag analysiert die soziale Praxis "Protest" in den 1870er Jahren in den Samurai-Aufständen insbesondere am Beispiel des Hagi no ran 1876 vor allem als eine Form der Interaktion zwischen (oft sehr heterogenen) staatlichen Institutionen und "Protestierenden".

Über die Schönheit in der Disharmonie und den Wohlklang als Lüge. Das Design des Taishō-demokratischen Protests

Maik Hendrik Sprotte

Im Juli 1913, nur wenige Monate, nachdem in der "Ersten Bewegung zum Schutz der Verfassung" (daiichiji goken undō) erstmals in Japan zivilgesellschaftlicher Protest zum Sturz einer Regierung geführt hatte, entwickelte der Anarcho-Syndikalist Ōsugi Sakae auf der Grundlage theoretischer Projektionen des französischen Sozialphilosophen Georges Sorel sein Konzept einer "Expansion des Lebens" (Sei no kakujū). Im Kontext seiner eher raren theoretischen Überlegungen verknüpfte er hier, auch in Abgrenzung zur "Selbstaufopferung" (serufusakurifaisu) eines Kōtoku Shūsui, die Essenz des Lebens schlechthin, m.a.W. die bedingungslose Selbstverwirklichung, unauflöslich mit der „Aktion“ (katsudō). Angesichts der zeitgenössischen gesellschaftlichen Bedingungen, nämlich der gewaltfrei nicht zu überwindenden Klassengegensätze von „Eroberern“ (seifukusha) und "Sklaven" (dorei), mache die Aktion zwingend die "Revolte" (hangyaku) als alleiniges, Gewalt einschließendes Instrument zur Erschaffung neuen Lebens und einer neuen Gesellschaft erforderlich.
Dieses Konzept einer auch ästhetisch interpretierbaren "Schönheit in der Disharmonie" verdeutlicht ein Kernproblem zivilgesellschaftlichen Handelns in der teils zutreffend, teils euphemistisch als "Taishō-Demokratie" (1905-1928/31) bezeichneten Epoche, das im Zentrum der Analyse stehen wird: die Frage nach den Bedingungen, unter denen sich Protest in Japan in der "Taishō-Demokratie" als eine gewalthafte oder gewaltfreie Aktionsform entwickelte. Damit wird der Frage nachgegangen, welche Artikulationsmöglichkeiten von Protest in einer Öffentlichkeit existierten, die einerseits durch ein etabliertes, wenn auch ständig anwachsendes System innerer Sicherheit, andererseits durch das Vorhandensein national wie international motivierter Konzepte divergierender, nonkonformistischer bzw. unkonventioneller Weltbilder und Wertmaßstäbe geprägt war. Dadurch wird der Versuch unternommen, einerseits einen Beitrag zur Dekonstruktion der normativen Überhöhung zivilgesellschaftlichen Handelns, andererseits zur Berücksichtigung seiner "dunklen Seiten", die sich gerade in historischer Perspektive zeigen, zu leisten.

Zwischen kultureller Aktivität und bewaffnetem Widerstand. Protestformen im Korea unter japanischer Herrschaft, 1910-1945

Juljan Biontino

Nach meinem Abschluss als Magister in Japanologie an der Universität Heidelberg, wo ich mich hauptsächlich mit der japanischen Herrschaft über Korea und dem koreanischen Widerstand beschäftigte, begann ich einen Doktorstudiengang in Geschichtspädagogik (Schwerpunkt Moderne Geschichte Koreas) an der Nationaluniversität Seoul. Meine Doktorarbeit handelt von der Rekonfiguration der erinnerungspolitischen Ausnutzung des Berges Namsan in Seoul während der japanischen Herrschaft. Der Alltag in Südkorea eröffnete mir nicht nur einen Einblick in koreanische Zweifel an der Tagespolitik und dem Sein der eigenen Zivilgesellschaft, sondern ich konnte hier auch meinem Wunsch folgen, die Zeit der japanischen Herrschaft über Korea und das Leben der Koreaner in dieser Zeit ausführlich zu studieren.
Historiker Koreas haben lange Zeit das Leben der Koreaner unter der japanischen Herrschaft aus der Perspektive des Widerstands oder der Kollaboration betrachtet, weshalb das Verhalten der Koreaner in dieser Zeit meist mit dem Etikett "Unabhängigkeitsbewegung" versehen ist. Erst in jüngeren Jahren werden Narrative zur "Kolonialzeit" weniger schwarz-weiß gezeichnet. In meinem Vortrag möchte ich die facettenreiche Geschichte der koreanischen Unabhängigkeitsbewegung über die gesamte "Kolonialzeit" hinweg vorstellen und dabei die Protestformen nachzeichnen, die von diversen Gruppierungen verfolgt worden sind. Dafür werden einzelne Strömungen innerhalb der koreanischen Unabhängigkeitsbewegung identifiziert und die einzelnen Motivationen für Protest hinterfragt. Die Rahmenbedingungen und Folgen des Protests sollen ebenfalls erläutert werden um schließlich zu eruieren, welche Bedeutung dieser für die Entwicklung der Zivilgesellschaft in Korea hatte.