Japanologentag 2015
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Gewalt und Zivilität -- Session 1

Einführung

Tino Schölz und Maik Hendrik Sprotte

Während in öffentlichen Debatten und der nicht-akademischen Publizistik nach wie vor ein normativ aufgeladenes Konzept von "Zivilgesellschaft" als mutmaßlich der Gewaltfreiheit und den Prinzipien der Pluralität sowie der Freiwilligkeit verpflichteter Motor von Demokratisierung, mithin als Kern des Guten, Schönen und Wahren historischer Entwicklung, vorherrscht, hat sich die historische Bürgergesellschaftsforschung in den letzten Jahren verstärkt den Ambivalenzen und "dunklen Seiten" dieses spezifischen gesellschaftlichen Gefüges zugewandt. Das Panel schließt an diese Entwicklung an, indem es mit Gewalt und Zivilität die "vermeintliche Basisantinomie" (J. Leonhardt) bürgergesellschaftlicher Strukturen und Handlungsmuster thematisiert. Konkret soll dabei die Handlungsform des sozialen Protestes im Sinne einer meist an bzw. gegen die Exekutive gerichtete Artikulation von Bedürfnissen und Interessen, von Wünschen, Erwartungen und Kritik in Hinblick auf ihre Gewaltförmig- bzw. Friedfertigkeit diachron vergleichend diskutiert werden. Da Protest dabei als soziale Interaktionsform verstanden wird, soll nicht nur die Ebene der Protestierenden, sondern auch die der staatlichen Exekutive in den Blick genommen werden. Mit einer exemplarischen Diskussion ausgewählter Formen von sozialem Protest soll dabei den Leitfragen nachgegangen werden, inwieweit dieser – sowohl hinsichtlich der Legitimation als auch der sozialen Praxis – im Verlauf des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Bezug auf Gewalt und Zivilität einem historischen Wandel unterlag, und ob es über den diskutierten Zeitraum hinweg einen "Zivilisierungsprozess" von Protest gegeben hat.

Geistesgeschichtliche Grundlagen von Gewalt und Zivilität im japanisch-chinesischen Kontext

Oleg Benesch

Dieser Vortrag befasst sich mit dem Einfluß von vormodernen Auffassungen von Zivilität und Martialität auf die Entwicklung von Protest und abweichenden Diskursen in Japan während der Kaiserzeit. Die chinesischen Binärkonzepte wen-wu (Jap.: bun-bu) symbolisieren traditionell ein Streben nach einem Gleichgewicht zwischen zivilen und martialischen Tugenden in vielen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens. Obwohl diese Ausgewogenheit seit Jahrtausenden ein wichtiger Bestandteil des chinesichen Gedankenwesens war, wurde sie in Japan erst im späten 16. Jahrhundert eines der Hauptthemen in politischen und sozialen Diskursen. Der Stand dieser Binärkonzepte wurde durch die verstärkte Entwicklung eines frühen Nationalbewusstseins in der Tokugawa-Zeit weiter erhöht, wobei sich die Assoziierung von China mit zivilen Tugenden und Japan mit martialischen Tugenden fest etablierte.
Die Verbindung zwischen diesen Konzepten und Auffassungen von Nationalcharaktern schien im 19. Jahrhundert bestätigt zu sein, als die wiederholten militärischen Niederlagen Chinas gegenüber dem Westen als Beweise für Chinas Überbewertung ziviler Tugenden zu Lasten martialischer Stärke dargestellt wurden. Im Vergleich diente Japans angebliche martialische Kraft in China und anderen sich modernisierenden Ländern als Vorbild. Gleichzeitig wurde innerhalb Japans der lang-etablierte Glaube, dass die Japaner ein besonders martialisches Volk waren, sowohl vom Staat wie von nichtstaatlichen Akteuren genutzt. Der Staat benutzte diese Auffassung dazu, einen mit dem Militär eng verbundenen Nationalismus zu fördern. Anderseits konnten Menschen und Gruppierungen mit dem Glauben an ein martialisches Japan ihren Widerstand gegenüber der Regierung im Namen des Kaisers und der Nation rechtfertigen. Durch die geschickte Aneignung der Idee, martialische Stärke sei eine patriotische Tugend, konnte dem Staat auf wirksame Weise entgegengewirkt werden. Der Staat musste viele dieser patriotisch geprägten Herausforderungen gewissermaßen akzeptieren, wodurch die nationalistischen Auffassungen von Martialität und Gewalt einen bedeutenden Einfluß auf Interaktionen zwischen dem Staat und der Gesellschaft hatten.

Gesellschaftlicher Ungehorsam in der Edo-Zeit am Beispiel Ōsakas

Christoph Mittmann

Während der knapp 250 Jahre der relativ friedlichen Edo-Zeit ereigneten sich über den gesamten Archipel verteilt gegen 6900 Aufstände (Aoki 1971), die sich in den unterschiedlichsten Formen und Ausmaßen ereigneten. Durch die sehr lange Dauer dieser Epoche führt eine Analyse zum Charakter und den Unterschieden der einzelnen Aufstände zu der Frage, in wie fern diese den sich im Laufe der Zeit stetig verändernden historischen Kontext widerspiegelt. Anhand des Großraums Ōsaka sollen diese Veränderungen herausgearbeitet werden: Durch den Aufstieg der Stadt sowie des Umlandes zum Handelszentrum des Reiches sowie der Urbanisierung erfolgte ein stetiger und umfassender Wandel von Gesellschaft und Wirtschaft, der sich auch in den Protestformen niederschlug.
"Wenn man versucht, in kritischer Absicht zu analysieren, wie Gesellschaften strukturiert waren/sind, die halbwegs friedlich und demokratisch funktionieren, ist es von elementarer Bedeutung, dass man genau diese verschachtelten Verhältnisse zwischen Staat und Gesellschaft, beziehungsweise die Schnittstellen und Übergänge in diesen Verhältnissen denken und vor allem begrifflich/konzeptionell fassen kann" (Sarasin 2004, S.56).
In Anlehnung an Sarasin folgend soll der Fokus dieses Beitrags auf den jeweils involvierten Interessensgruppen und deren Interaktionsformen sowie nach der Frage nach der Monopolisierung von Gewalt liegen. Diese Monopolisierung basiert gemäß Watanabe während der Edo-Zeit zunehmend auch auf der Show von militärischer Macht, nicht aber deren tatsächlicher Ausübung (Watanabe 2012). Ferner lässt sich seiner Meinung nach anhand der verwendeten Begriffe in zeitgenössischen Quellen eine Veränderung im Ansehen rekonstruieren, die dem Shōgun und dessen Rolle im Reich entgegengebracht worden ist (Watanabe 2011). Diese Thesen sollen anhand der von den Protestierenden hervorgebrachten Quellen überprüft würden, um im Vortrag zu einer Annäherung an deren Legitimitätsverständnis zu gelangen.

  • Aoki, Kōji: 百姓一揆総合年表, Sanʼichi shobō, Tōkyō 1971
  • Sarasin, Philipp: "Zivilgesellschaft" und Wissenschaftsgeschichte. Ein Beispiel und sechs Thesen zu einem problematischen Konzept, in: Gosewinkel, Dieter (Ed.); Reichardt, Sven (Ed.); Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung GmbH (Ed.): Ambivalenzen der Zivilgesellschaft: Gegenbegriffe, Gewalt und Macht, Berlin, 2004
  • Watanabe, Hiroshi: 東アジアの王権と思想, Tōkyō daigaku shuppankai, Tōkyō 2011
  • Watanabe, Hiroshi: A History of Japanese Political Thought, 1600 – 1901, International House of Japan, Tōkyō 2012