Japanologentag 2015
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Sektion moderne Literatur -- Session 4

Die Spuren von Yamanaka Minetarō. Topologische Muster nationalistischer shōnen-Literatur in dem Kinofilm Meitantei Conan – Zekkai no puraibēto ai

Christian G. Weisgerber

Yamanaka Minetarō (1885-1966) gehört zu den meistgelesenen Jugendromanciers der 1930er Jahre. Bekannt für Spionagegeschichten wie Ajia no akebono (Die asiatische Morgenröte, 1931-32 in Shōnen Kurabu) oder Mienai hikōki (Das unsichtbare Flugzeug, 1935-36 in Yōnen Kurabu), in denen ein junger, männlicher Held japanische Waffentechnik vor dem Zugriff "weißer" Spione bewahrt, ist indes ein Teil seiner Werke aus heutiger Sicht zumindest kritisch zu betrachten. Nichtsdestotrotz findet sich in dem Kinofilm Meitantei Conan – Zekkai no puraibēto ai (Detektiv Conan – Privatdetektiv auf hoher See) aus dem Jahr 2013 ein den Spionagegeschichten von Yamanaka Minetarō vergleichbares Handlungsmoment eines jungen, männlichen Helden, der japanische Waffentechnik vor ausländischer Spionage beschützt. Von daher erscheint es legitim zu fragen, ob sich nicht Spuren des nationalistischen Schriftstellers in dem zeitgenössischen Werk finden.
Ausgehend von dem Theoriekonzept der Intertextualität möchte der Vortrag diese Frage beantworten, indem er topologische Parallelen zwischen der shōnen-Literatur Yamanaka Minetarōs und dem Kinofilm Meitantei Conan – Zekkai no puraibēto ai aufzeigt. Hierzu sind zunächst verschiedene Varianten des Intertextualitätskonzeptes darzulegen, ehe bekannte Werke des shōnen-Romanciers vorgestellt und in den Kontext der populären Jugendliteratur der 1930er Jahre eingeordnet werden. Darauf aufbauend wird eine Gegenüberstellung von Yamanaka Minetarōs Roman Mienai hikōki mit dem genannten Kinofilm erfolgen, in deren Verlauf insbesondere die Darstellung von feindlichen Spionen, von Armeeangehörigen und Waffentechnik zu thematisieren sind.
In einem größeren Zusammenhang möchte der Vortrag Perspektiven für eine analytische Verknüpfung verschiedener Geschichten auch unterschiedlicher Medien mit Hilfe eines Konzepts der Intertextualität illustrieren.

Experiment über die aktuelle Rolle der Literaturkritik. Ōsawa Nobuaki

Daniela Tan

Wie positioniert sich eine zeitgemässe literaturwissenschaftliche Japanforschung? Wie kann sich eine Auseinandersetzung mit der Literatur der Gegenwart (gendai bungaku) oder der Ära Heisei (Heisei bungaku) positionieren gegenüber dem Kanon der modernen Literatur (kindai bungaku)? Ist die japanische Literatur der Gegenwart tatsächlich bereits historisch zu sehen, wie der Literaturwissenschaftler und -kritiker Kawamura Minato postuilert?
In seinen in rascher Abfolge erschienen Schriften Genpatsu to genbaku 原発と原爆 (August 2011) und Shinsai / genpatsu bungakuron 震災・原発文学論 (März 2013) setzt er sich anhand literarischer und popkultureller Erzeugnisse kritisch mit der Frage auseinander, wie es überhaupt zu dieser menschenverursachten Katastrophe im März 2011 kommen konnte. Gesellschaftliche und politische Kritik aus literaturwissenschaftlicher Perspektive sieht sich jedoch mit der Frage konfrontiert, inwiefern sich eine Beschränkung auf fiktive Werke eignet. Zumal die Grenze zwischen Fiktion, Reportage und Augenzeugenbericht gerade in Texten der Katastrophenliteratur verwischen, wie sich beispielsweise anhand der Atombombenliteratur (genbaku bungaku 原爆文学) deutlich aufzeigen lässt.
Wie sieht die aktuelle Literaturkritik in Japan aus? Welche Gangart schlägt sie vor, um sich ein Bild der Literarischen Produktion jenseits eines festen Kanons zu machen? Und benennt sie Mechanismen der Kanonisierung?
Dieser Frage soll anhand von Aufsätzen des Literaturkritikers Ōsawa Nobuaku (*1976) nachgegangen werden.
In seinem 2013 erschienenen Band Shinseiki shinten 新世紀神典 (Göttliche Komödie des neuen Jahrtausends) experimentiert er mit neuen Formen der Literaturkritik. So befinden sich im titelgebenden Aufsatz (Shinchō, Dezember 2012) zusammen mit dem Detektiv Hundegott Ashura weitere Protagonisten, unter anderem Aus Romanen von Abe Kazushige (Ayame Mizuki aus Pisutoruzu ピストルズ, 2010), Maijō Ōtarō (Disco Wednesday aus Disuco tantei suiyōbi ディスコ探偵水曜日, 2005), und Machida Kō (Sukuna Bikona aus Shukuya meguri 宿屋めぐり, 2008) in einem verschlossenen Zimmer, und führen einen Disput miteinander. Der Essay Fukkatsu no hihyō 復活の批評 (Bungakukai, März 2011) ist eine Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Verhältnis von politischem Engagement und Literaturkritik. Dieses wird durchgespielt anhand des ambitionierten doch nach kurzer Zeit beendete Projekt des von Karatani Kōjin im Jahr 2000 gegründeten New Associationist Movement (NAM), welches als Gegenbewegung zum Kapitalismus und Nationalismus (資本と国家への対抗運動) gedacht war.
Datsu Nippon ki 出日本記 (Gunzō, Mai 2012) handelt von der Dreifachkatastrophe in der Tōhoku-Region sowie der Frage nach dem Verhältnis von gesellschaftlicher Verantwortung und der Rolle der Literatur.
In ihrem oszillierenden Zustand widersetzt sich die Gegenwartsliteratur hartnäckig einer allzu voreiligen Klassifizierung in Genres, Gruppierungen und normative Konstrukte einer Kanonbildung.
Nach einem kurzen Überblick wird die Frage nach der gegenwärtigen Form der Literaturkritik in Japan und ihrer Position in der Auseinandersetzung mit der Literatur der Gegenwart diskutiert.

Zum Abschluss: Besprechung der Publikation