Japanologentag 2015
print


Navigationspfad


Inhaltsbereich

Sektion moderne Literatur -- Session 3

Dem Nordosten verschrieben. Zur Beziehung von Zentrum-Peripherie und Gender in den Werken von Autorinnen aus Tōhoku

Tamara Kamerer

Ziel dieses Vortrags ist es aufzuzeigen, wie literarische Texte intersektionell analysiert werden können. Der Vortrag beginnt mit einer Bestandsaufnahme des weiblichen literarischen Schaffens in Tōhoku mit Fokus auf die Gegenwart. Im Kern wird untersucht, wie die Faktoren race, class, gender und Peripherie, welche mittels des Konzeptes der Intersektionalität zusammengeführt werden, einen Diskurs bilden, der Peripherien erst konstituiert. Anhand von Textbeispielen wird aufgezeigt, wie Autorinnen Peripherien konstruieren und welche Orte für sie als Zentren fungieren. Die Beispiele sollen auch verdeutlichen, dass Theorien von Zentrum und Peripherie in der Literaturanalyse nicht nur die Möglichkeit bieten, geografische und politische Kategorien sinnvoll zu kontextualisieren, sondern auch ein sensibles Werkzeug sind, um Unterschiede zu visualisieren und holistische Konzeptionen von Identitäten aufzubrechen. Die hier gewählte Herangehensweise soll nicht dazu dienen, Zentrum und Peripherie neu zu dichotomisieren, sondern vielmehr zeigen, welchen Nutzen eine solche theoriegeleitete Analyse für die japanologische Literaturwissenschaft mit sich bringen kann.

City Unkind. Women’s Urban Experiences in Kirino Natsuo’s Crime Narratives

Mina Qiao

Urban development and female consciousness are two notable trends appearing in Japanese literary works since the 1990s. Japan’s domestic politics and economics during the postwar period made a profound impression on the experience of urbanites in Japan. Against this backdrop, the paper examines how authors who were born in the 1950s, especially women writers, weave their own personal urban experiences into the narratives. This paper will use Kirino Natsuo’s crime fictions as a case study. Kirino’s crime narratives, such as Auto (1997; OUT, 2003), Zangyakuki (2004; What remains), and Gurotesuku (2003; Grotesque, 2007), evolve in urban spaces which are geographically and/ or sociologically marginal. I argue that the representations of urban reality and the urban imaginary of Tokyo in these works form a distinctive stream of narratives, which in turn echoes the pulse of Japanese cities and women’s urban experiences in the late-twentieth century. I coined the term machigurashi (literally,“living in the city”) to describe the living experience in urban space, which is affected by the social, political, and economic elements embedded in the city’s geographic districts. In Kirino’s narratives, conflicts often arise from the collision between female consciousness and dominating social norms which concretizes in the form of intangible rules of urban living. Kirino portrays the urban space of Tokyo as engendered and regulated by patriarchal structure. As a result of their (attempted) transgression, the female characters become involved in urban crime as either victim or victimizer and sometimes both. I will discuss some repetitive features of women’s machigurashi in Kirino’s crime narratives with an emphasis on gender issues in the metropolis. My tentative conclusion is that Kirino’s works represent a Tokyo where women and men live in two different worlds, and confirm Shirley Ardener’s argument that “women experience the world differently from men” (1993:19 in Women and Space: Ground Rules and Social Maps).

Haiku als politische Lyrik in Japan während der Kriegsjahre von 1937 bis 1945. Eine literarische Form im Spannungsfeld zwischen Protest und Propaganda

Martin Thomas

Kaum eine andere japanische Gedichtform erfreut sich weltweit so großer Beliebtheit wie das Haiku. Ungeachtet dessen ist über seine Entwicklungsgeschichte hierzulande meist nur relativ wenig bekannt. Literarische Eigenproduktion steht in vielen Fällen vor kritischer Rezeption sowie der historisch-wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Dies führt wiederum dazu, dass das Haiku in der Öffentlichkeit häufig unreflektiert als bloßes Naturgedicht dargestellt bzw. wahrgenommen wird.
Der vorliegende Beitrag versucht nun, ausgehend von der eben konstatierten Leerstelle, seinen Teil zur Erarbeitung einer umfassenden Literaturgeschichte des Haiku beizutragen, indem auf eine im deutschsprachigen Raum bisher selten fokussierte Thematik — das Haiku während des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges — Bezug genommen wird. Hierbei geht es vor allem um die Charakterisierung des Haiku als eine mögliche Form politischer Lyrik, die aktiv Stellung zu realhistorischen Ereignissen sowie gesellschaftlichen Zuständen nimmt. Beginnend mit einer Beschreibung der japanischen Haiku-Landschaft des zu untersuchenden Zeitraums, über eine Typisierung der Gattung "Kriegs-Haiku" (sensō haiku), soll der Frage nachgegangen werden, welche Rolle Literatur in modernen Gesellschaften spielt. Wie wirken sich politische Machtverhältnisse auf die literarische Szene eines Landes aus? Umgekehrt: Welche Macht besitzt Literatur und was versucht sie selbst mit dieser zu bewirken?
Gerade die bewegten Jahre nach 1937 scheinen für eine solche Analyse fruchtbar. Schnell wurde zu jener Zeit von Seiten der Schriftsteller auf die Ereignisse auf dem chinesischen Festland reagiert und sich der Problematik angenommen, welche Position das Haiku in diesem Konflikt zu vertreten habe. Es entbrannte ein Streit zwischen den Verfechtern der traditionellen Schule und denen der modernen Schule, die beide danach strebten, ihre ästhetischen Ideale mit Hilfe des Krieges zu begründen. Leider verließ dieser Diskurs jedoch schon bald die künstlerische Ebene, auf der er zu vielen neuen Impulsen geführt hatte, und weitete sich aufgrund der zunehmend strenger werdenden Zensur zu einem politischen aus. So kam es ebenso zu Verhaftungen von Mitgliedern liberaler Haiku-Vereinigungen wie zur Publikation von Anthologien, die sich dem "Heiligen Krieg" (seisen) widmeten.
Zahlreiche Beispiele werden den theoretischen Teil veranschaulichen, der selbst auf bereits existierende Begrifflichkeiten wie Engagement, Tendenz, verdeckte Schreibweise etc. aufbaut und versucht, Ordnung in die schier unüberschaubare Fülle von Kriegs-Haiku zu bringen. Letztendlich dürften sich die so gewonnenen Erkenntnisse auch bei Diskussionen über gegenwärtige literarische Phänomene als nützlich erweisen, handle es sich um die politisch engagierte Literatur nach Fukushima oder die kritisch intendierte Literatur in Anbetracht des zweiten Kabinetts Abe.