Japanologentag 2015
print


Navigationspfad


Inhaltsbereich

Sektion moderne Literatur -- Session 2

Vom Siegfried-Idyll nach Alphaville. Japanische Gegenwartsliteratur durch die Linse der Intermedialität

Oliver Hartmann

Dass künstlerische Werke auf einander Bezug nehmen und Künstler sich gegenseitig zitieren oder mit ihren eigenen spartenspezifischen Mitteln versuchen zu imitieren, ist zunächst keine neue Erkenntnis, sondern ein generelles Wesensmerkmal von Kunst. Dass sich künstlerische Werke allerdings immer sichtbarer miteinander auseinandersetzen und beeinflussen, ist ein Phänomen einer zunehmend globalen Kunst- und Kulturlandschaft, welches in den letzten 30 Jahren zu einer richtungsweisenden Debatte innerhalb der deutschsprachigen Literaturforschung führte. Unter dem Oberbegriff der "Intermedialität", der maßgeblich von Wissenschaftlern wie etwa Werner Wolf, Irina Rajewsky oder Yvonne Spielmann geprägt wurde, rücken Fragen der Medialität und der Leistungs-fähigkeit von künstlerischen Medien in den Mittelpunkt der akademischen Diskussion und man versuchte fortan Phänomene wie eine "filmische Schreibweise" oder eine "musicalization of fiction" theoretisch fassbar zu machen. Die Erkenntnisse aus diesem Forschungsbereich beruhen größtenteils auf Analysen europäischer bzw. nordamerikanischer Artefakte. Nur wenige der bislang veröffentlichten Arbeiten wenden sich explizit asiatischen Fallbeispielen zu und untersuchen sie auf intermediale Phänomene. Besonders in der literaturwissenschaftlichen Beschäftigung mit Japan ist ein Mangel an intermedialen Fragestellungen festzustellen und das, obwohl die japanische Gegenwartsliteratur, ähnlich wie etwa die Nationalliteraturen anderer Industriestaaten, eine Vielzahl von Referenzen auf einheimische und internationale Kunstprodukte vorzuweisen hat, seien sie nun aus dem Bereich Film, Musik, Malerei, Theater, Oper, etc. oder aus dem Bereich der neuen Kommunikationsmedien wie SMS, Twitter oder Facebook.
In meinem Vortrag möchte ich einen Transfer leisten und zeigen, dass Intermedialitätstheorien als Zugang zur Interpretation von japanischer Gegenwartsliteratur fruchtbar gemacht werden können. An Textbeispielen von Autoren wie Shimada Masahiko, Yoshida Shūichi und Murakami Haruki werde ich offenlegen, welche zusätzlichen Interpretationsmöglichkeiten sich ergeben, wenn man die im Text genannten Referenzen und medialen Verflechtungen in eine narratologische Analyse mit einfließen lässt. Ich werde diskutieren, wie Figuren über Bezüge zu anderen Medien konstruiert werden und wie Referenzen zur Musik oder zur Film- und Videotechnik funktionalisiert sind. Auf einer übergeordneten Ebene gehe ich damit den Fragen nach, mit welchen (alter-)medialen Mitteln literarisches Schreiben bzw. Erzählen in der japanischen Gegenwartsliteratur funktioniert und wie sich die Textbeispiele innerhalb einer globalen Kunst- und Kulturlandschaft positionieren und an ihr Anteil haben.

Postkoloniale Theorie als analytischer Zugang zur japankoreanischen Gegenwartsliteratur

Maren Haufs-Brusberg

Im Rahmen meines laufenden Dissertationsprojektes befasse ich mich u.a. unter Rückgriff auf die postkoloniale Theorie mit der Konstruktion von ethnischen Identitäten und Genderidentitäten in der japankoreanischen Gegenwartsliteratur. Analysiert werden dabei insbesondere folgende Romane: Ishi ni oyogu sakana (1994/2002) von Yû Miri, Saihate no futari (1999) von Sagisawa Megumu, GO (2000) von Kaneshiro Kazuki und Nason no sora (2001) von Kim Masumi.
In meinem Vortrag möchte ich mich mit der Frage auseinandersetzen, inwiefern die postkoloniale Theorie einen geeigneten und lohnenswerten Zugang zur Analyse von Werken der japankoreanischen Gegenwartsliteratur darstellt. Diese Frage ist meines Erachtens keine einfache, denn zum einen ist darzulegen, welche Kriterien Werke der japankoreanischen Gegenwartsliteratur erfüllen müssen, um als "postkolonial" begriffen werden zu können. Nach Ashcroft, Griffiths und Tiffin ist hierbei entscheidend, "that they emerged in their present form out of the experience of colonization and asserted themselves by foregrounding the tension with the imperial power, and by emphasizing their differences from the assumptions of the imperial centre." Zum anderen fokussiert die postkoloniale Theorie in der Regel auf den europäischen Imperialismus, weshalb bei der Anwendung der Theorie auf die japankoreanische Literatur Besonderheiten, möglicherweise sogar Einschränkungen zu beachten sind. Denn die postkoloniale Theorie begreift Kolonialisierung nicht nur als Prozess ökonomischer und politischer, sondern vor allem auch geistiger Kontrolle, bei dem die europäischen Kolonialmächte ihr Weltbild als das einzig gültige verbreiten. Hieraus ergibt sich für Japan als "imperial centre", das nicht der europäischen Tradition zuzuordnen ist, die Notwendigkeit subtiler Differenzierungen. Inwiefern orientierte sich die japanische Kolonialmacht an Europa und inwiefern erfolgten Abgrenzungen? Wie positionierte Japan sich selbst und seine Kolonien im europäischen Weltbild? Entwickelte Japan einen Gegenentwurf zu diesem? Unterschied sich der japanische Kolonialismus gar wesentlich vom europäischen?
Angesichts solch vielfältiger Fragen gilt es einerseits eine Antwort darauf zu finden, welche Folgen sich aus den oben genannten Aspekten — inbegriffen die bedingungslose Kapitulation Japans, die seinen Status als Kolonialmacht beendete — für die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Werken der japankoreanischen Gegenwartsliteratur aus postkolonialer Perspektive ergeben. Andererseits ist in diesem Kontext dazulegen, inwiefern der postkoloniale Zugang (dennoch?) erkenntnisversprechend ist.

Zur Subversivität von Handgestricktem, oder Fukushima-Literatur zwischen Gesellschaftstherapie und Sozialkritik

Kristina Iwata-Weickgenannt

Die japanische Literatur des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts wird oft als eher unpolitisch beschrieben. Auch die Auseinandersetzung mit Themen, die großes gesellschaftskritisches Potential aufweisen wie bspw. Prekarität oder die Atomkatastrophe von Fukushima, erfolgt nicht selten aus einer stark individualisierten Perspektive. So gesehen spiegelt die Literatur nicht nur die politisch gewollte und u.a. durch Erziehungssystem und Massenmedien geförderte weitgehende Ausklammerung des Politischen aus dem japanischen Lebensalltag. Der häufige Verzicht auf eine Verknüpfung der beschriebenen Einzelschicksale mit gesellschaftlichen Makrostrukturen illustriert auch, welche Selbstverständlichkeit das neoliberale Mantra der Eigenverantwortung (jikosekinin) erlangt hat. Mehr als drei Jahre nach "3.11/Fukushima" zeigt sich zudem, dass die Katastrophe keinen grundlegenden Paradigmenwechsel bewirkt hat, offene Systemkritik oder die Erkundung von politischen wie gesellschaftlichen Verantwortlichkeiten insbesondere für die Nuklearkatastrophe können schwerlich als dominanter Zugang bezeichnet werden.
Nichtsdestotrotz wäre es zweifellos falsch, die literarische Auseinandersetzung mit "Fukushima" als gänzlich unpolitisch zu beschreiben. In meinem Vortrag möchte ich beispielhaft aufzeigen, wie auch auf den ersten Blick harmlos-unpolitische, eher therapeutisch anmutende Texte gegen den Strich als beißende Gesellschaftskritik gelesen werden können. Im Mittelpunkt meiner Analyse stehen Kawakami Miekos Sangatsu no keito (Märzwolle, 2012) und Ogawa Yôkos Nakibōshi (Heulmütze, 2012). In beiden Texten spielen Wolle und Handgestricktes eine zentrale Rolle. In einer recht offensichtlichen Lesart stehen das Stricken bzw. das fertige Produkt für menschliche Wärme, die in beiden Texten explizit bzw. implizit mit Mütterlichkeit verknüpft ist. Die Texte sprechen somit auf der Oberfläche das post-traumatische Bedürfnis nach Geborgenheit an. Doch so wie in Kawakamis Text die werdende Mutter ihrer Rolle als Trostspenderin nicht gewachsen ist und sich das als Sinnbild für zwischenmenschliche Beziehungen oder auch größere soziale Zusammenhänge lesbare Gestrick aufribbelt, erweist sich auch Ogawas Zentralmotiv des — vermeintlich heilsamen — Schlafs als doppelbödig. Übersetzt man den Titel weniger wörtlich als Schlafmütze, lässt sich der kurze Text problemlos als durchaus politische Kritik an der vorherrschenden Vogel-Strauss-Mentalität lesen, als Abrechnung mit einer Bevölkerung, die auch nach "Fukushima" nicht aufwachen will, sondern sich bereitwillig Märchen erzählen lässt und die Augen vor Problemen verschließt.