Japanologentag 2015
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Sektion moderne Literatur -- Session 1

Der äußere und der innere Gennai. Inoue Hisashis Kampf gegen den literarischen Kanon

Nora Bartels

Inoue Hisashi (1934–2010) ist einer der erfolgreichsten Autoren der Nachkriegszeit, der mit seinen Dramen und Romanen immer wieder, vor allem zu Texten der Edo-Zeit, literarische Brücken schlug — häufig in Form von intertextuellen Bezügen. Dabei stellte er, direkt und indirekt, den seit der Meiji-Zeit etablierten Literaturkanon in Frage und brachte nahezu vergessene Textsorten wieder in die öffentliche Aufmerksamkeit.
Inoues Drama Omote ura Gennai kaeru gassen (Der Kampf zwischen dem äußeren und dem inneren Gennai, 1971) ist eines der ersten seiner Werke, die Edozeitliche Literatur aufgreifen. In ihm wird das Leben eines der wichtigsten gesaku-Schriftsteller, Hiraga Gennai (1728–1780), ästhetisch verarbeitet und musikalisch in Szene gesetzt. Dabei sprengt Inoue nicht nur vermeintliche Zeit-, sondern auch Genregrenzen, ohne dadurch an theatralischer Wirksamkeit zu verlieren oder auf intellektuelle und formale Höhe zu verzichten. Gennais soziale und literarische Positionen und sein abenteuerlicher Lebenswandel bieten viel Stoff für unterhaltsames Drama und werfen gleichzeitig die auch für Inoue relevante Frage auf, welche Position ein Autor humorvoller, aber anspruchsvoller Literatur in Japan haben konnte und kann.

Mori Ōgai in Schwabing. Über die Frühgeschichte des Münchner Modernismus

Birumachi Yoshio

Die Novelle von Mori Ōgai (1862-1922) Utakata no ki (Wellenschaum, 1890) ist als eine Künstlergeschichte bekannt, die auf seinen Erinnerungen an München und seinen eigenen Erfahrungen beruht. Zu beachten ist, dass der Autor seine Hauptfiguren nach dem Modell von wirklichen Malern gestaltet hat: der Held Kose, ein japanischer Malerstudent weist auf Harada Naojirō (1863-1899) hin, mit dem Ōgai sich in Münchnen gut befreundet hat, und Koses Freund Exter ist nach Julius Exter(1863-1939) benannt, der in der königlichen Akademie München zusammen mit Harada studierte und später als einer der Vorläufer der expressionistischen Malerei in die Annalen einging. In dieser Hinsicht liegt es nahe, dass die Erzählung sich eng auf reale Malerkreise in München der 1880er Jahre bezieht.
Aus diesem Grund hat man sich auch in der bisherigen Forschung von Utakata no ki oft mit dem Thema "Ōgai und westliche Malerei" beschäftigt. Dabei wurde jedoch das Stadtviertel Schwabing, wo die Protagonisten leben, nur selten als kultureller Ort in Betracht gezogen. Das Münchner "Quartier latin" wurde im ausgehenden 19. Jahrhundert ein Treffpunkt für Künstler, Journalisten, Schriftsteller etc. Aus ihren Treffen in meist kleinen Lokalen entstanden neue kulturelle Bewegungen, wie die Münchner Sezession, der Blaue Reiter oder die satirische Zeitschrift Simplicissimus. Das Café Minerva, wo einst Ōgai, Harada und Exter unter anderen Stammgästen saßen, war in der Tat ein bekannter Treffpunkt der jüngeren Bohème.
In meinem Vortrag beabsichtige ich, Ōgais Erzählung Utakata no ki im Kontext der damaligen Kunstszene in München zu analysieren. Ōgais Aufenthalt in München (März 1886 – April 1887) fiel genau in die Entstehungszeit der modernistischen Bewegung in Deutschland, wo die bisherige Autorität der Akademie gegenüber der neuen Strömung immer mehr ins Wanken geriet. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Frage, wie diese Erzählung die damalige kulturelle Bedeutung von Schwabing sowie den künstlerischen Wandel zum 20. Jahrhundert reflektiert.

Lyrik als Zeitgeschichte. Poetologien japanischer Dichter nach Fukushima

Christian Chappelow

Mit der Dreifachkatastrophe vom 11. März 2011 veränderte sich auch für viele japanische Dichter schlagartig die Vorstellung vom Schreiben als Zeitgenossenschaft: Die "Aufgabe" war es nun, auf die Ereignisse im Norden Japans zu reagieren, sowie das sprachliche Potential zeitgenössischer Lyrik neu zu orten. Der aus der betroffenen Präfektur Miyagi stammende Journalist, Schriftsteller und Lyriker Henmi Yô sucht in seinem im November 2011 erschienen Gedichtband Me no umi (Das Meer der Augen) die sprachästhetische Auseinandersetzung mit den Bildern seiner zerstörten Heimat. Er kritisiert die Berichterstattung japanischer Medien scharf und versucht die gesellschaftlichen und politischen Implikationen der Katastrophe sprachlich offenzulegen. Andere Strategien verfolgen die Dichter Wakamatsu Jôtarô und Satô Shigeko, deren Gedichte zu Fukushima offen Atomkritik üben, sowie der (ehemalige) "Twitter Dichter" Wagô Ryôichi mit seinen Heimat- und Trostgedichten.
Die Diversität dieser Poetologien zeitgenössischer Dichter nach 3/11 gilt es festzuhalten, eröffnet sie doch noch weitreichendere Fragen: Ob "Fukushima" langfristig eine Zäsur für japanische Lyrik stellt, ob ein eindeutiger Kanon heute überhaupt noch auszumachen oder sinnvoll ist, und ob die Ära nach dem gendaishi (Gegenwartsgedicht) nicht schon längst angebrochen ist.