Japanologentag 2015
print


Navigationspfad


Inhaltsbereich

Japanologische Ansätze zur Katastrophe vom 11. März 2011 --Session 3

Gender und politische Partizipation nach 3.11. Eine Fallstudie zur "unsichtbaren" Zivilgesellschaft

Phoebe Holdgrün und Barbara Holthus

Massendemonstrationen japanischer Bürger für den Atomausstieg ließen nach der Dreifachkatastrophe vom 11. März 2011 Stimmen laut werden, die ein neues Kapitel für politisches Engagement in Japan prognostizierten. Mittlerweile ist allerdings nicht nur das Ziel der Demonstranten in weite Ferne gerückt; auch die zahlenstarken Protestveranstaltungen sind abgeebbt. Somit scheint der politische Aktivismus nach 3.11 wieder deutlich nachgelassen zu haben. Dabei gerät jedoch außer Acht, dass neben dieser publikumswirksamen Form von politischer Beteiligung und neben der Forderung nach der Energiewende sich auch gegenwärtig nach wie vor zahlreiche Bürger in Japan politisch für weitere Themen im Zusammenhang mit der Katastrophe engagieren und dabei andere Partizipationsstrategien verfolgen.
Dieser Beitrag untersucht anhand einer Fallstudie des Netzwerkes Kodomotachi o hōshanō kara mamoru zenkoku nettowāku, welche Ziele diese mehr als 300 Organisationen anvisieren und welche Strategien diese Bürger in nach außen hin wenig sichtbaren lokalen Gruppierungen und landesweiten Zusammenschlüssen als Teil der "unsichtbaren" Zivilgesellschaft anwenden, um ihre Ziele auf lokaler, präfekturaler und nationaler Ebene zu erreichen. Dabei zeigt sich, dass bei diesem auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern ausgerichteten Netzwerk Gender eine ausgeprägte Rolle nicht nur bei der Mitgliederstruktur – es sind vornehmlich Frauen – sondern auch bei den Partizipationsstrategien spielt. Dabei erscheint die ausgesprochen "vorsichtige" Vorgehensweise der Aktivistinnen langfristig mehr Erfolg zu versprechen, als es im Fall der Massendemonstrationen den Anschein hatte. Für diese Untersuchung wurden in einem Methodenmix quantitative und qualitative Daten zur Fallstudie erhoben und dabei neben einer Umfrage unter allen Mitgliedsorganisationen vor allem die Tätigkeiten einer lokalen Gruppe des Netzwerkes über mehrere Jahre teilnehmend beobachtet.

Es geht voran. Ein (Rück-)Blick auf die Nachhaltigkeit von Wiederaufbauplänen und Hilfsaktionen

Wolfgang Fanderl

Die Nachhaltigkeit in der regionalen Wiederaufbauhilfe lässt sich nicht auf eine einfache Ebene herunterbrechen. Vergleicht man die Wiederaufbaupläne, die am Anfang als Leitlinie von den jeweiligen Verwaltungseinheiten herausgegeben wurden, so ist allein hier schon ein erheblicher Unterschied zwischen den kommunalen und der präfekturalen Sichtweise erkennbar. Auch die diversen NPOs haben z.T. einen erheblichen Wandel durchgemacht. Mehr noch ist aber erwartungsgemäß auch das öffentliche Interesse aus dem Blickfeld verschwunden. Dieser Vortrag soll die Situation der Aufbauhilfe nach Ablauf der ersten drei Jahre beleuchten und am Beispiel von Iwate die Probleme und deren möglichen Lösungsansätze darstellen.

Regionale Effekte des 11. März auf Glücksempfinden und Spendenbereitschaft

Tim Tiefenbach und Florian Kohlbacher

Die Themen Glück und Lebenszufriedenheit nehmen im globalen wissenschaftlichen, wie in der Folge auch im politischen Diskurs, einen immer stärkeren Stellenwert ein. Die japanische Regierung trägt diesem Trend Rechnung, indem sie von 2010 bis 2012 Fragen zu subjektiven Glücksempfinden und dessen Einflussfaktoren in Mittelpunkt des National Survey on Lifestyle Preferences gestellt hat. Der vorliegende Artikel analysiert die Ergebnisse der Befragungen der Jahre 2010 bis 2012 zu Glücksempfinden und Spendenverhalten. Die Analyse erfolgt mittels einfacher Regressionsanalysen sowie mittels einer moderierten Mediationsanalyse.
Die Analyse wird in zwei Teilschritten vollzogen. In einem ersten Schritt wird gezeigt, dass der 11. März auf nationaler Ebene in zwei gegensätzlichen Richtungen auf das Glücksempfinden wirkt. Einerseits zeigt sich ein direkter negativer Effekt auf das Glücksempfinden nach dem 11. März. Andererseits zeigt sich ein positiver Effekt auf das Spendenverhalten, welches wiederum positiv mit dem persönlichen Glücksempfinden assoziiert ist. Dementsprechend ergibt sich ein indirekter positiver Effekt auf das Glücksempfinden. Zusammengenommen zeigt sich, dass der direkte negative Effekt um ca. 40% durch die indirekten positiven Effekte (mediiert durch ansteigendes Spendenverhalten) kompensiert wird. Im zweiten Teil des Artikels werden die Auswirkungen auf regionaler Ebene analysiert. Hierbei zeigt sich, dass der negative Effekt des 11. März in direkter Abhängigkeit zur Entfernung zu dem Kernkraftwerk Fukushima Dai'ichi steht. Die Regionen, die am nähesten zu Fukushima liegen, sind am stärksten betroffen, wobei der Effekt mit steigender Distanz exponentiell abklingt. In West-Japan ist der negative Effekt auf das Glücksempfinden bereits nicht mehr nachweisbar. Dem entgegengesetzt stehen die Effekte auf das Spendenverhalten. Diese sind nicht abhängig zur Entfernung nach Fukushima, sondern konstant in allen Regionen Japans nachweisbar. Zusammengenommen ergibt sich, dass das Spendenverhalten die negativen Glückseffekte der Katastrophe in angrenzenden Regionen sowie Regionen mittlerer Nähe zu einem gewissen Grad lindern kann.

Diskussion Teil III